Julia Weiteder-Varga

geboren 1943 in Budapest/Ungarn. Lebte in Bedburg. Gestorben 2014. Veröffentlichungen in deutscher Sprache:

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Erster Gedichtband in deutscher Sprache: "STATT CONTAINER" 1991
- "Scherbennacht", Gedichtband 2004


Ausbildung zur Grafikerin und Schaufenstergestalterin. Langjährige Tätigkeit als Ausstellungsmacherin und Grafikerin.

Veröffentlichungen in deutscher Sprache:

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Erster Gedichtband in deutscher Sprache: "STATT CONTAINER" 1991
- "Scherbennacht", Gedichtband 2004


Gedichte:


DIE BEWEGUNG MEINER GRENZEN

Bis der Stuhl aus der Ecke herauswächst
und die graue Mauer Rot wird bis
die grünen Blätter mein Zimmer überströmen
bis dieses Bild in mir zittert in der aufgewärmten
Luft zwischen zwei flatternden Fensterflügeln
bis dahin und davor
hinter meinen geschlossenen Lidern
bewahre ich dies für immer in meinem Gedächtnis
bis der Walnussbaum von sich umkippt
bis dahin halten die Bilder in mir die Welt aufrecht
bis dann wenn am Ende der ganze Baum mit vollem Laub
auf die Erde stürzt



DIE AUSBREITUNG MEINER GRENZEN

Mein Blick rutscht an der Messerschneide weg
Sie anzuschauen braucht große Kühnheit
Doch diese Erfahrung ist gar nicht so wichtig
Vielleicht mein Alter ist es das mich so neugierig macht
Nur auf meinen eigenen Wunsch möchte ich meine Stadt
in eine schmale Linie zusammenpressen
meine Gedanken zu einem Punkt schrumpfen lassen
dass diese mächtigen Begriffe über Endlosigkeit und Zeit
in meiner Hand genug Platz finden könnten
dass die Schere meine Finger seien die mit meinen Haare
auch meine Kraft wegschneiden würden
und ich wünsche mir dass ich darüber lachen könnte
weil ich spüre dass meine Kraft widerstandslos
erneut wächst



DIE GRENZEN MEINER BEWEGUNG

Mit meiner blau gewordenen Haut taste ich die Kälte ab
Dieselbe Sonne die auf das Eis blinzelt
wie auf das Wasser
Mittags
sammelt sich Schweiß auf meiner Stirn
dieselbe Sonne
dieselbe Bewegung dieselbe Rotation der Erde
immer nur nach Osten es wird mir nie langweilig
ich fürchte nur dass dieser große Flug und
diese schnelle Drehung mich einmal verlieren werden

GLÜCK

Der Fall
als Licht
aus der Sonne
auf meine Haut

Die Farbe
der Wörter
die ich in mir
trage

Mein Fall
ins Wasser
als Lebende
ins Lebende

Der Ort
der mich als
schwimmende
Elfe erduldet
und am Rande
der Nacht mich
ins Honigbett
versenkt


KÖRPERLAND



Dieses Weiß könnte sogar Schnee sein
in deinem Haar doch es ist Sommer
Vielleicht die Jahre sind es die von innen
die einzelnen Fäden färben
Weiß ist darin das Gedächtnis
Hartnäckig wie das Silber den Glanz
halten sie deine gesammelte Zeit gefangen


MIRROR
(Gustav Klimt 1862-1918)

Was glänzt wie Gold
zwingt müde Farben zu zittern
Die schöne Haut der Welt
zeigt sich in vergoldeten Plättchen

Der tiefschwarze Rand am Bauch
des gezähmten Panthers
verfeinert das Fell
Versteift im Glied
hockt mit lackierten Nägeln
der Kinderaffe im Schoß
Die Regung erfriert zwischen
geschliffenen Gläsern

Zeitlos dreht sich die Zeit im Qualm
betäubt sind die ungeweckten Blicke
schleudern laufend Brocken
von zerschlagenen Bildern auf die Spiegel

Im Café in Glanz Satin und Edelspitze
gehüllt sammeln sich bekannte Gestalten
Tonet Stühle werden gerückt und
Süßes verspeist Das Geschwätz
Springt leicht über die dünnbeinigen
Tische Der Staub atmet
Schwarzgold in den überladenen
Räumen Hinter den verzierten
Bilderrahmen an der Seidenwandtapete
wohnt im ewigen Dämmerlicht
der arglistige Schatten


SCHLAFENDE WUNDE

Schlafende Wunde in der Brust
Auf dem Teller
zwischen scharfem Besteck
langweilt sich ein Apfel
Der Mund ist halb offen
Kein Durchzug
Gerades Kerzenlicht

Der Wein im Glas ist rot
wie geronnenes Blut
Der Tisch und die Stühle belauschen
die Hohlräume des kreidebleichen Zimmers

Die roten Ränder um die Narbe
schließen sich nicht

Ungewissheit in jeder Handlung
Das Kissen berührt mit Vorsicht
den dünnhäutigen Schädel

Das umgekippte Glas blutet


SPÄTHERBST

Rostblätter von den Bäumen
In verrückt eilenden Wolken
friert fallende Zeit
Qualm
verbrannter Knochen in der Nase

Ob es egal ist frage ich mich
dass man eine einen oder etwas
verbrennt verspeist oder vergisst

besonders
wenn man sie ihn oder es
gar nicht richtig kannte

STOLPERSTELLE

Mein stolpernder Blick in der Nacht
zwischen den starren Sternen
und die unsicheren Schritte am Tag
auf dem Feldweg zwischen Ackern
Der ungeschickte Versuch
mit dem Sternbild Schwan zu fliegen
-bin wie ein schräger Vogel-
und der Gang an den Kartoffelfeldern
in verwesten Krautgeruch getränkt
verschlammt und von der Sonne geblendet
machen mich vorsichtig

Um die großen Begriffe wie endlos oder zeitlos
versuche ich die Barriere in meinem Kopf zu zerstören
und starre verwundert die unbegreifliche Schwärze an
wo auch ich lebe
wo nachts auch die Mücken fliegen
mit ihrer filigranen Bösartigkeit
-sie wollen nur mich stechen-
doch wenn ich sie erschlage und es summt nicht mehr
in der Luft überfällt mich eine bohrende Traurigkeit
ich habe doch genug verdorbenes Blut zu verschenken

In kalten Vollmondnächten sehe ich die Sterne kaum
- ich ahme das klischeehafte runde Lächeln nach-
die Insekten sind ausgestorben
mir bleibt nur das Belauschen der nahen Autobahn

Plötzlich strömt eine eiskalte Brise vom All
auf mich herunter und drückt mich mit Gewalt zu Boden
werde ich Stein werde ich Sand werde ich eine Spur
schauen mich diese Restpunkte vom Himmel an
oder nur dieser sich eilende Satellit blinkert mir zu
und mit Fleiß bevölkert er meinen Bildschirm
mit unauslöschbaren Nachrichten
er baut mir eine Spur in dem unsichtbaren Netzwerk
wo ich mich nicht ausschalten
aber auch nicht annähern kann in einer virtuellen Welt
die ich lieben lernen soll


UNSCHÄRFE

Es bricht nicht aus
Das Beben deiner Rippen
bleibt ohne Bewegung
Die schwarzen Nester vertiefen sich
unter deiner Haut

Reihe haltloser Worte
Sonnenlicht unbegreiflich

Manche Tage
bewundere ich den zerschlagenen Taubenflug
an der Windhose jammernder Himmel
Der Klang deiner Stimme
folgt dem Vogelgesang in der Ferne

Heute überall Verwesungskälte
Eiswasser läuft in den Hirnwindungen
Der verglimmende Tag löscht sich aus

Andere Tage
brennende Farben breiten sich aus
Der weiße Verband ist mit Rot getränkt
Gelb bläst die Haut auf Von innerem Ruß
geschwärzte Atemluft strömt zwischen den Lippen

Wärmewunsch wächst
Fristlose Stille breitet sich aus
Den rollenden Steinschlag in deinem Kopf
hört niemand

Bestimmte Tage
Hohlräume wachsen bis nach Asien
Lichte Punkte in Eile
Bildschirm spricht mit bekanntem Gesicht
Gespannt sieht sich alles Bewegliche an
In demselben Moment Sagen und Hören
über Kontinente

Gerade jetzt
eine verwirrte Motte flattert sich
zu Tode in der Nacht um das kleine Licht
Fenster schließen
Bildschirm schließen
Mich schließen
Dich in mir einschließen

Flattern flattern
Dunkle Schärfe in Sicht